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Die Flechte des Jahres seit 2004

Mehr Aufmerksamkeit für die Doppelwesen aus Pilz und Alge

Gekürt wird die Flechte des Jahres von der Bryologisch-lichenologische Arbeitsgemeinschaft für Mitteleuropa (BLAM)

Jahr Flechte wissenschaftlicher Name
2004 Die Gelbflechte Xanthoria parietina
2005 Die Grubige Bartflechte Usnea hirta
2006 Die Caperatflechte Flavoparmelia caperata
2007 Das Isländische Moos Cetraria islandica
2008 Die Wolfsflechte Letharia vulpina
2009 Die Echte Rentierflechte Cladonia rangiferina
2010 Die Rosa Köpfchenflechte Dibaeis baeomyces
2011 Die Gewöhnliche Feuerflechte Fulgensia fulgens
2012 Die Echte Lungenflechte Lobaria pulmonaria
2013 Die 'Hundsflechten' Peltigera didactyla
2014 Die Landkartenflechte Rhizocarpon geographicum
2015 Die Gelbfrüchtige Schwefelflechte Psilolechia lucida
2016 Die Heideflechte Icmadophila ericetorum
2017 Das Hepps Schönfleck Variospora flavescens
2018 Die Fransen-Nabelflechte Umbilicaria cylindrica
2019 Die Breitlappige Schüsselflechte Parmotrema perlatum
2020 Finger-Scharlachflechte Cladonia digitata


Die Finger-Scharlachflechte
ist die Flechte des Jahres 2020



Für 2020 wurden mit der Finger-Scharlachflechte (Cladonia digitata) und dem Schönen Federchenmoos (Ptilidium pulcherrimum) zwei Arten gewählt, die auf der sauren Borke vor allem von Nadelbäumen wie Fichte, Kiefer und Tanne aber auch an Laubbäumen mit saurer Rinde wie Birke und Erle vorkommen. Nun sind diese Standorte in Mitteleuropa sicher nicht im Mangel, nachdem die Forstwirtschaft seit vielen Jahrzehnten auf den Anbau der schnellwachsenden Fichten und Kiefern gesetzt hat. Demzufolge sind beide Arten auch nicht gefährdet und haben ihre Bestände seit der Mitte des letzten Jahrhunderts sicher vergrößern können.
Mit den Schäden vor allem an Kiefer und Fichte im Dürresommer 2018 zeigt sich nun deutlich, dass Nadelholzmonokulturen bei uns keine Zukunft haben werden. Mit ihrem Verschwinden werden die beiden Arten im Flach- und Hügelland einen Großteil ihres Lebensraumes verlieren. Dazu kommt, dass beide zumindest eine Präferenz für kühl-temperierte Gebiete haben. Es ist also zu erwarten, dass sie mit der Klimaerwärmung ihre südliche Arealgrenze nach Norden verschieben bzw. aus weiten Gebieten mit jetzt schon relativ warm-trockenem Klima verschwinden werden.


Flechte des Jahres 2020 - gefunden in Rechtenbach, Bayern (Bild: Wolfgang von Brackel) Die Finger-Scharlachflechte ist eine durch die roten Fruchtkörper (Apothecien) und die großen, randlich hochgebogenen und unterseits bis zum Rand mehligen Grundschuppen eine leicht kenntliche Art. Sie findet sich überwiegend auf morschem Holz und am Stammfuß von Bäumen, vor allem von Kiefern, Fichten und Birken.
Cladonia digitata - Lager aus Grundschuppen mit Podetien und Apothecien an den Becherrändern - Rechtenbach im Spessart, Bayern Bild: Wolfgang von Brackel


Aussehen

Wie die meisten Becher-, Säulen- und Scharlachflechten ist die Art in ein grundständiges, schuppiges Lager und ein aufrechtes Stämmchen (Podetium) gegliedert. Die dichtstehenden, oft überlappenden Grundschuppen sind bis zu 4 - 10 mm groß, breit abgerundet, oben glatt und grau bis grünlichgrau, unten bis zu den aufgewölbten Rändern dicht mehlig-sorediös und weißlich. Die sehr unterschiedlich ausgebildeten, im unteren Teil berindeten und im oberen Teil mehlig-sorediösen Podetien können kurz und stiftförmig oder deutlich ausgebildet mit breiten, flachen und geschlossenen Bechern sein. Die Becher tragen an den Rändern oder an fingerförmigen Fortsätzen (Name) rote Fruchtkörper (Apothecien) und/oder Pyknidien).


Von ähnlichen rotfrüchtigen Cladonia-Arten (Scharlachflechten) ist die Art durch die Kombination aus sehr großen, gerundeten, unterseits mehlig-sorediösen Grundschuppen und der Ausbildung von Bechern unterschieden. Im Gegensatz zu den meisten anderen Scharlachflechten reagiert das Lager bei Zugabe von Kalilauge gelb. Finger-Scharlachflechte mit fingerförmigen Fortsätzen und roten Fruchtkörpern (Bild: Wolfgang von Brackel)
Bild: Wolfgang von Brackel Cladonia digitata - Becher mit fingerförmigen Fortsätzen und Apothecien, Neumühlschlag, Nürnberger Reichswald, Bayern


Ökologie

Die Finger-Scharlachflechte kommt auf sehr unterschiedlichen Substraten vor, denen allen jedoch die Armut an Basen und an Nährstoffen gemein ist. In Mitteleuropa ist ihr wichtigster Wuchsort der Stammfuß von Bäumen mit saurer Borke, vor allem Kiefern, Fichten und Birken. Daneben werden morsche Baumstümpfe und morsches Totholz, aber auch Rohhumus, Torf und humose Mineralböden sowie Moose besiedelt. Sie bevorzugt einigermaßen hohe Luftfeuchtigkeit, ist aber wenig empfindlich gegenüber Trockenheit. Durch ihre hohe Toxitoleranz und das Vordringen der Nadelholz-Monokulturen konnte sie sich in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts in unseren Wäldern ausbreiten.


Die Finger-Scharlachflechte mit einem Lager aus Grundschuppen mit Podetien und Pyknidien an fingerförmigen Fortsätzen (Bild: Wolfgang von Brackel) Verbreitung und Gefährdung

Cladonia digitata ist von der mediterranen bis zur arktischen Zone der nördlichen Halbkugel verbreitet und kommt in Nordamerika, Europa und Asien vor. ...
Cladonia digitata - Lager aus Grundschuppen mit Podetien und Pyknidien an fingerförmigen Fortsätzen - Markwald bei Erlangen, Bayern Bild: Wolfgang von Brackel


... Sie zeigt eine deutliche Präferenz für kühl-temperierte Gebiete. Nur wenige Funde gibt es von der Südhalbkugel (Afrika, Neuseeland). In Europa kommt sie von den höheren Gebirgen Siziliens bis an die Nordspitze von Spitzbergen vor.

Wegen ihrer weiten Verbreitung der ralativ hohen Toxitoleranz und des Vorkommens auf reichlich vorhandenem Substrat gilt die Art zumindest in Mitteleuropa als nicht gefährdet.


Wie sie mit der zunehmenden allgemeinen Eutrophierung und der Klimaerwärmung zurechtkommt, muss die Zukunft zeigen. Ein Rückzug aus besonders mit Stickstoffverbindungen belasteten und aus trocken-warmen Gebieten ist zu erwarten. Die Finger-Scharlachflechte mit einem auf Flechten wachsendem Pilz (Bild: Walter Obermayer)
Bild: Walter Obermayer Die Flechte des Jahres 2020 mit lichenicolem (auf Flechten wachsend) Pilz Phaeopyxis punctum


Biologie

Die Finger-Scharlachflechte verbreitet sich überwiegend über Soredien (Sorale sind Aufbrüche an den Thallus (Lager)-Oberfläche von Flechten, die der vegetativen Verbreitung dienen. Flechten sind Symbiosen aus Alge und Pilz). Diese vegetativen Verbreitungseinheiten werden auf der Unterseite der Grundschuppen und an den Podetien (stellen aufrechte, stiel- oder trichterartige ((manchmal auch verzweigte)) Trägerorgane dar, an deren Spitze mehrere Fruchtkörper ((Apothecien)) sitzen) aus dem Mark gebildet und bestehen aus kleinsten, wattigen Kügelchen, die sowohl Hyphen (fadenförmige Pilzzellen) des Flechtenpartners wie auch Algen enthalten. Sie werden dank ihres geringen Gewichts leicht vom Wind verbreitet und können, wo sie auf geeignete Bedingungen treffen, wieder zu vollständigen Flechten auswachsen. Unter guten Bedingungen bildet sie auch Apothecien (bezeichnet man offene, schüssel-, scheiben- oder becherförmige Fruchtkörper bei Flechten, oder auch Schlauchpilzen. Das Sporenlager liegt hier frei) aus und verbreitet sich generativ durch Ascosporen.


Finger-Scharlachflechte - Groessenvergleich zwischen einer Grundschuppe und Daumenspitze (Bild: Walter Obermayer) Die Art enthält unter anderen sekundären Metaboliten (Inhaltsstoffen) als bekanntesten Thamnolsäure.
Cladonia digitata - Größenvergleich Grundschuppe - Daumenspitze Bild: Walter Obermayer


Zusammen mit den in der Flechte enthaltenen Alkaloiden, Tanninen, Saponinen, Glykosiden, Flavonoiden, Anthraquinonen und Terpenen bildet sie einen antibakteriellen und als Antioxidans wirkenden Cocktail. Möglicherweise schützt der Gehalt an Thamnolsäure die Flechte auch vor hoher Belastung durch Säure, was ihre Toxitoleranz erklären würde.


Parasiten, Nutzung und Medizin

Cladonia digitata ist als Wirt einer Vielzahl flechtenbewohnender Pilze bekannt: ...
Die Finger-Scharlachflechte mit Lager aus Grundschuppen - gefunden bei Erlangen in Bayern (Bild: Wolfgang von Brackel)
Bild: Wolfgang von Brackel Cladonia digitata - Lager aus Grundschuppen mit Podetien - Markwald bei Erlangen, Bayern


... Arthonia coronata, Arthrorhaphis aeruginosa, Chaenothecopsis nana, C. parasitaster, Chalara lichenicola, Cornutispora lichenicola, Didymocyrtis cladoniicola, Lichenoconium erodens, L. pyxidatae, Lichenosticta alcicorniara, Lichenostigma maureri, Niesslia keissleri, Phaeopyxis punctum (s. Bild weiter oben), Polycoccum cladoniae, P. microcarpum, Sphaerellothecium cladoniae und Talpapellis beschiana. Am häufigsten wird sie jedoch von Arthonia digitatae und Milospium lacoizquetae befallen, die gerne zusammen vor allem auf den Grundschuppen auftreten und dort eine typische Braunfärbung verursachen.


Die Finger-Scharlachflechte an einem verrottenden Baumstamm - gefunden bei einer Exkursion in Mauterndorf/Österreich (Bild: Norbert J. Stapper) Die Finger-Scharlachflechte, hier mit roten Fruchtkörpern, findet man überwiegend auf morschem Holz und am Stammfuß von Bäumen.
Cladonia digitata an einem verrottenden Baumstamm - BLAM-Exkursion 2019 Mauterndorf/A. Bild: Norbert J. Stapper


Wegen der antimikrobiellen Wirkung ihrer Inhaltsstoffe wird die Flechte (wohl zusammen mit anderen Arten) in der traditionellen afrikanischen Medizin (Zimbabwe) zur Wundbehandlung eingesetzt.


Herzlichen Dank an die Bryologisch-lichenologische Arbeitsgemeinschaft für Mitteleuropa e.V. (BLAM) vor allem an Herrn Wolfgang von Brackel für den Pressetext und die Erlaubnis die tollen Aufnahmen verwenden zu dürfen. Bildreferenten: Wolfgang von Brackel, Walter Obermayer und Norbert J. Stapper.


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- letzte Aktualisierung: Samstag, 03. Oktober 2020 -
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