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Die Weichtiere des Jahres seit 2003

Am 21.September 2002 wurde in Erding bei München das Kuratorium "Weichtier des Jahres" gegründet. Durch Pressearbeit, Internetpräsenz und einem DIN A 4 Faltblatt soll jedes Jahr ein Weichtier des Jahres vorgestellt werden.

Jahr Deutscher Name wissenschaftlicher Name
2003 Bauchige Windelschnecke Vertigo moulinsiana
2004 Gemeine Kahnschnecke Theodoxus fluviatilis
2005 Tigerschnegel Limax maximus
2006 Gemeine Flussmuschel Unio crassus
2007 Maskenschnecke Isognomostoma isognomostomos
2008 Das Mäuseöhrchen Myosotella myosotis
2009 Husmanns Brunnenschencke Bythiospeum husmanni
2010 Gemeine Schließmundschnecke Alinda biplicata
2011 Die Zierliche Tellerschnecke Anisus vorticulus
2012 Die Schlanke Bernsteinschnecke Oxyloma elegans
2013 Die Europäische Auster Ostrea edulis
2014 Die Knoblauch-Glanzschnecke Oxychilus alliarius
2015 Die Mantelschnecke Myxas glutinosa
2016 Die Große Erbsenmuschel Pisidium amnicum

Das Kuratorium "Weichtier des Jahres" hat für 2016 Die Große Erbsenmuschel ausgewählt.

Erbsenmuscheln sind wenige Millimeter große Vertreter der Familie der Kugelmuscheln. Sie verbringen fast ihr ganzes Leben in den oberen Sedimentschichten der Gewässer. Durch diese Lebensweise sind sie dem direkten Blick weitgehend entzogen. Ökologisch spielen sie eine wichtige Rolle, vor allem als Nahrung, z.B. für Egel, Plattwürmer, Amphibien oder Wasservögel. Als Fischnahrung haben sie besondere Bedeutung, da sie oftmals hohe Individuendichten erreichen.

In der Familie der Kugelmuscheln gehören in Europa neben den eigentlichen Kugelmuscheln mit sechs und den Häubchenmuscheln mit zwei Arten allein 25 Vertreter zur artenreichsten Gruppe, den Erbsenmuscheln. Diese können fast alle Gewässertypen besiedeln. Lediglich Bäche und Flüsse mit sehr starker Strömung und entsprechendem Gefälle sind als Lebensraum nicht geeignet, da die in ihnen das Sediment ständig bewegt wird. Auch Hochmoorschlenken oder ähnliche Gewässer mit sehr niedrigem pH-Wert werden gemieden. Andererseits können mehrere Arten selbst ein Trockenfallen ihres Lebensraumes im noch feuchten Substrat über längere Zeit überdauern.
Vorkommen von Erbsenmuscheln in völlig isolierten oder noch nicht lange bestehenden Kleingewässern werfen die Frage auf, wie diese Tiere dorthin gelangen. Hierfür kommen nur passive Verbreitungsmechanismen in Betracht. Neben fließendem Wasser - beispielsweise im Zusammenhang mit Überschwemmungen - spielt möglicherweise Windverfrachtung eine gewisse Rolle. Haupt-Transportmedien dürften jedoch Tiere sein, insbesondere Wasservögel, Amphibien, Krebse und Insekten, die lebende Kleinmuscheln an Gefieder, Beinen oder der Haut über größere Strecken befördern können. Insbesondere bei Amphibien wurde dies schon öfters beobachtet: Erbsen- und Kugelmuscheln klemmen sich mit ihren Schalenklappen an die Haut der Schnauzen und Flanken oder an einzelne Finger- bzw. Zehenglieder von Molchen, Fröschen und Kröten und werden so in neue Wohngewässer transportiert. Auch Fische können Muscheln auf diese Weise verbreiten, zudem gelingt es einzelnen Muschelindividuen, den Fischdarm lebend zu passieren.

Die Große Erbsenmuschel ist leider aus vielen Gewässern bereits verschwunden (Bild: "Haus der Natur - Cismar") Die Große Erbsenmuschel bringt wie alle Kugelmuscheln, bereits fertig entwickelte, etwa 2 mm große Jungmuscheln zur Welt, die wenig später schon eigene Junge gebären können.
Die große Erbsenmuschel ist in der deutschen Roten Liste als stark gefährdet aufgeführt Bild: "Haus der Natur - Cismar"

Wie bei allen Süßwassermuscheln besteht das Gehäuse aus zwei Klappen, die durch ein elastisches Schlossband, das Ligament, zusammengehalten werden. Die Klappen selbst bestehen überwiegend aus Kalk, außerdem organischen Bestandteilen wie Proteinen. Auf der Außenseite dient eine Schalenhaut aus Conchin (ist die traditionelle Bezeichnung für die komplexe organische Substanz von Molluskenschalen) als Schutz vor schädigenden Umwelteinflüssen.

Erbsenmuscheln sind Zwitter, die sich auch selbst befruchten können. Die Tiere produzieren ein- bis zweimal im Jahr Larven, die sich aus befruchteten Eiern in den erwähnten Bruttaschen entwickeln. Die letzten Larvenstadien sehen nicht nur so aus wie Miniaturkopien der Muttertiere, sondern verhalten sich auch so, da sie nach dem Verlassen der Bruttaschen frei in den Marsupien herumkriechen können. Nach mehreren Monaten Entwicklungszeit werden die Muttertiere verlassen, je nach Art mit Größen zwischen knapp 1 mm und 1,5 mm. Diese "Geburt" geschieht überwiegend im späten Frühjahr oder im Sommer.

Insgesamt wurden schon bis weit über 50 Jungmuscheln gezählt, die gleichzeitig im Körper eines einzelnen Muttertieres herangewachsen sind. Interessanterweise wird die Geschlechtsreife bereits vor oder kurz nach der Geburt erreicht, daher kann bei einigen Arten das letzte Jugendstadium bereits "im Mutterleib" trächtig sein.

Erbsenmuscheln ernähren sich vorrangig von Bakterien und Detritus, (kommt aus dem lat. detritus "abgerieben" und bezeichnet Zerfallsprodukte) die mit Hilfe der Kiemen aus dem Atemwasser gefiltert werden. Die nur bei weit geöffneten Schalenklappen voll funktionsfähige Einströmöffnung entsteht aus Verwachsungen des äußeren Mantels. Eine weitere, röhrenartig verlängerte Öffnung befördert die Stoffwechselendprodukte nach der Verdauung im Magen zusammen mit dem verbrauchten Wasser wieder nach außen.

Die kleinsten Vertreter der Erbsenmuscheln werden nur 2 mm lang. Lediglich die Große Erbsenmuschel (Pisidium amnicum) erreicht manchmal eine Länge von mehr als 1 cm, wird bereits mit einer Größe von ca. 4 mm fortpflanzungsfähig und bis zu drei Jahre alt. Sie lebt in Europa und Asien, eingeschleppt auch in den Großen Seen in Nordamerika. In Europa kommt die Art von Südskandinavien bis in den Mittelmeerraum vor, meidet jedoch die Gebirgslagen. Dementsprechend ist sie in Norddeutschland deutlich weiter verbreitet als in den von den Mittelgebirgen und den Alpen geprägten südlichen Landesteilen. Die Große Erbsenmuschel besiedelt insbesondere Flüsse und Bäche mit feinsandigem oder sandig-schlammigem Substrat, oft in Gesellschaft mit bis zu 10 anderen Kleinmuschelarten. Auch Seen werden bewohnt, wesentlich seltener hingegen wenig bewegte Gewässer wie Altarme bzw. Gräben oder sogar schwach brackige Habitate wie die Haffe an der Ostseeküste.

In besonders geeigneten Fließgewässern oder Seen, die oft kalkhaltig sind, kann die Muschel hohe Individuendichten erreichen (über 840 Exemplare/m²). Im Unterschied zu verwandten Arten kommt die Große Erbsenmuschel in Gewässertiefen von maximal 5-6 m vor. Eine andere Art der Gattung Pisidium wurde dagegen schon in mehr als 280 m Tiefe in Alpenseen nachgewiesen.

Gefährdung

In der deutschen Roten Liste ist Pisidium amnicum als "stark gefährdet" eingestuft. Früher wurde die Art in vielen größeren Flüssen und Strömen beobachtet. In der unteren Elbe scheint sie inzwischen erloschen zu sein, aus dem Rhein- und Weser-System oder aus Donau und Saale liegen, wenn überhaupt, nur wenige Meldungen über rezente Vorkommen vor. Etwas günstiger scheint die Bestandssituation in einigen kleineren Flusssystemen in Norddeutschland zu sein. In Mitteldeutschland sind die ehemals reichen Vorkommen im Zusammenhang mit der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts besonders hohen Eutrophierung in landwirtschaftlich geprägten Regionen sowie der vorher schon industriell bedingten Verunreinigung vieler Fließgewässer weitgehend erloschen. Trotz der danach deutlichen Verbesserung der Wasserqualität haben sich die Bestände noch nicht wieder erholen können. So sind beispielsweise in Thüringen nur zwei kleine Bachsysteme mit bis heute überlebenden Populationen der Großen Erbsenmuschel bekannt. Die Gründe für die regional kritische Bestandssituation sind weitgehend unklar, zumal das Wiederbesiedlungspotential - ganz im Gegensatz zu anderen Erbsenmuschelarten - gering ist. Eine Rolle dürfte jedoch die weiterhin ungenügende Wasserqualität einiger sowie die Strukturdefizite vieler Fließgewässer spielen. Auch aus  diesem Grund wurde die Große Erbsenmuschel als Weichtier des Jahres 2016 ausgewählt.

Vielen Dank an Herrn Dr. Vollrath Wiese - Haus der Natur, Cismar - für den überlassenen Pressetext und die Erlaubnis das Bild  veröffentlichen zu dürfen!


Wenn Sie mehr über dieses interessante Fachgebiet wissen möchten: www.mollusca.de


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- letzte Aktualisierung: Donnerstag, 26. Januar 2017 -