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Das Moos des Jahres seit 2005

Erstmals hat die Bryologisch-lichenologische Arbeitsgemeinschaft für Mitteleuropa (BLAM) für 2005 ein Moos des Jahres gewählt. Die Entscheidung fiel dabei auf das Silber-Birnmoos.

Für die Jahre sind dies:

Jahr Reptil - Amphibie wissenschaftlicher Name
2005 Das Silber-Birnmoos Bryum argenteum
2006 Das Quellmoos Fontinalis antipyretica
2007 Das Polsterkissenmoos Grimmia pulvinata
2008 Das Hübsche Goldhaarmoos Orthotrichum pulchellum
2009 Das Graue (Gemeine) Weißmoos Leucobryum glaucum
2010 Das Gemeine Widertonmoos Polytrichum commune
2011 Das Tännchenmoos Thuidium abietinum
2012 Das Grüne Koboldmoos Buxbaumia viridis
2013 Das Brunnenlebermoos Marchantia polymorpha
2014 Das Wimpern-Hedwigsmoos Hedwigia ciliata
2015 Das Leuchtmoos Schistostega pennata
2016 Das Mittlere Torfmoos Sphagnum magellanicum
2017 Das Weiche Kamm-Moos Ctenidium molluscum
2018 Das Echte Apfelmoos Bartramia pomiformis
2019 Das Einseitswendige Verstecktfruchtmoos Cryphaea heteromalla

Das "Einseitswendige Verstecktfruchtmoos" (Cryphaea heteromalla) ist das Moos des Jahres 2019


In den vergangenen Jahren haben wir jeweils ein Moos und eine Flechte vorgestllt, die charakteristisch für einen bestimmten Standort wie Kalkfelsen oder Moore sind oder die als eine Folge bestimmter Umweltwirkungen aus ihrem Lebensraum verdrängt oder, seltener Fall, häufiger werden. In diesem Jahr können auch wir uns einer hochaktuellen Fragestellung nicht entziehen, den Auswirkungen des Klimawandels auf die Organismen in unserer Umwelt. Die beiden gewählten Arten, das Moos Cryphaea heteromalla, sowie die Flechte Parmotrema perlatum, mögen dafür als Beispiel dienen.

Die Grenzen des Lebensraumes von Pflanzen und Tieren werden ganz wesentlich vom Klima bestimmt. Folglich gehören Arealverschiebungen hin zu höheren Breitengraden oder größeren Höhen über dem Meer zu den vielfach beobachtbaren Veränderungen im Zuge des globalen Klimawandels. Auch wenn andere den freiwerdenden Raum besetzen, ist insgesamt ein erheblicher Rückgang der Biodiversität zu verzeichnen.

Das auffallendste Kennzeichen des Klimawandels ist der in den letzten 30 Jahren sogar beschleunigte Anstieg der mittleren Temperatur, in Deutschland um rund 1 Kelvin seit 1881. Doch weniger die gestiegene Temperatur selbst, sondern vielmehr damit einhergehende Veränderungen von beispielsweise der Verteilung von Niederschlägen oder der Zeiten, die übers Jahr verteilt zur Nettophotosynthese genutzt werden können, scheinen für die Flechten relevant zu sein. Man denke z.B. an milder gewordene Winter.

(Erklärung zu Kelvin: Das Kelvin (Einheitenzeichen: K) ist die SI-Basiseinheit (Einheitensystem) der thermodynamischen Temperatur und zugleich gesetzliche Temperatureinheit. In vielen europäischen Ländern gilt daneben auch das Grad Celsius (Einheitenzeichen: °C) als gesetzliche Einheit für die Angabe von Celsius-Temperaturen und deren Differenzen. Dabei entspricht eine Temperatur von 0 °C umgerechnet 273,15 K. Der Zahlenwert eines Temperaturunterschieds in den beiden Einheiten Kelvin und Grad Celsius ist gleich.
Das Kelvin wurde nach William Thomson, dem späteren Lord Kelvin, benannt, der im Alter von 24 Jahren die thermodynamische Temperaturskala einführte.
Die Temperaturdifferenz-Angabe Grad (grd) ist durch das Kelvin abgelöst worden. Bis 1967 lautete der Einheitenname Grad Kelvin, das Einheitenzeichen war °K. Am 16.November 2018 wurde auf der 26. Generalkonferenz für Maß und Gewicht beschlossen, das Kelvin mit Wirkung zum 20. Mai 2019 neu zu definieren.)

Ebenso wie Flechten nehmen auch Moose Wasser über die gesamte Oberfläche auf. Bei Trockenheit fallen sie trocken und können so mehr oder weniger lange Zeit überleben. Im Vergleich zu Flechten liegen weniger Daten über klimawandelbedingte Arealverschiebungen vor. Doch für einige Arten scheint das der Fall zu sein, beispielsweise für Cryphaea heteromalla, unser Moos des Jahres 2019.


Das Einseitswendige Verstecktfruchtmoos ist das Moos des Jahres 2019 (Bild: Norbert J. Stapper / BLAM e.V.) Einseitswendiges Verstecktfruchtmoos (Cryphaea heteromalla), wächst in kleinen Polstern an der Rinde von Laubgehölzen. Fundort: Saarland
Einseitswendiges Verstecktfruchtmoos ist das Moos des Jahres 2019 Bild: Nornert J. Stapper / BLAM e.V.


Das Einseitswendige Verstecktfruchtmoos wächst in kleinen Polstern an der Rinde von Laubgehölzen, gerne an Holunder, an Orten mit ausreichender Luftfeuchtigkeit.

Aussehen

Cryphaea heteromalla bildet lockere Polster aus einem kriechenden, dem Untergrund anliegenden Primärspross und schräg vom Substrat aufgerichteten, kaum verzweigten Ästen. An kurzen Seitentrieben entwickeln sich die von lang ausgezogenen Hüllblättern überragten, länglich eiförmigen Kapseln mit einer zugespitzten Haube. Die kapselragenden Seitenzweige stehen oft in kleinen Grüppchen in enger Nachbarschaft an einer Seite des Zweiges. Die in trockenem Zustand anliegenden, feucht abstehenden Blätter sind breit eiförmig, gleichmäßig zugespitzt und ganzrandig. Die kräftige Blattrippe erlischt vor der Blattspitze. Fruchtende Exemplare sind unverkennbar, sterile müssen sorgfältig von Leskea polycarpa unterschieden werden.


An den kurzen Seitentrieben entwickeln sich die von lang ausgezogenen Hüllblättern überragten, länglich eiförmigen Kapseln. Einseitswendiges Verstecktfruchtmoos wird auch Holundermoos genannt (Bild: Christian Berg / BLAM e.V.)
Bild: Christian Berg / BLAM e.V. Einseitswendiges Verstecktfruchtmoos (Cryphaea heteromalla)


Verbreitung und Gefährdung

Die (sub)mediterran-(sub)atlantische Art kommt rund um den Atlantik auf der Nordhalbkugel vor, in Europa vor allem im westlichen und südlichen Teil. In Mitteleuropa erreicht sie die Ostgrenze ihrer Verbreitung. Als Atlantiker ist sie in den Niederlanden eine weit verbreitete und gewöhnliche Art. In Deutschland ist sie bereits sehr selten in den östlichen Bundesländern. In Polen wurde sie 2017 erstmals gefunden. Nachweise aus Österreich und Tschechien fehlen dagegen (noch?). Höhere Gebirge meidet sie offensichtlich, auch wenn sie neuerdings aus Mittelgebirgen wie dem Harz oder dem Erzgebirge gemeldet wurde.

Vorkommen, des Einseitswendigen Verstecktfruchtmoos, in Deutschland sind selten (Bild: Christian Berg / BLAM e.V.) Ihr Verbreitungsschwerpunkt in Europa sind vor allem der westliche und südliche Teil. In den Niederlanden gilt als weit verbreitet.
Ihr Vorkommen in Deutschland gilt als selten Bild: Christian Berg / BLAM e.V.


In den letzten Jahren häufen sich Fundmeldungen der Art, sie scheint sich in Ausbreitung nach Osten zu befinden. So galt sie in der Schweiz Ende des letzten Jahrhunderts noch als Rarität, seitdem sind viele Neufunde bekannt geworden. Es wird diskutiert ob die Ausbreitung der Art mit dem Klimawandel oder der Änderung der Luftqualität (Abnahme der SO2-Emissionen, Zunahme der NOx-Emissionen) zu tun hat. Sie gilt als ausgesprochen empfindlich gegenüber der Luftverschmutzung. So hat sie sich im Laufe des 20.Jahrhunderts in den Niederlanden aus dem Landesinneren in die küstennahen Gebiete zurückgezogen, wo die Luft durch den Seewind sauberer ist.

Funde in den letzten Jahren belegen, dass sich das Einseitswendige Verstecktfruchtmoos, wohl nach Osten ausbreitet. Es scheint so zu sein, dass sich das Einseitswendige Verstecktfruchtmoos nach Osten ausbreitet (Bild: Christian Berg / BLAM e.V.)
Bild: Christian Berg / BLAM e.V. Einseitswendiges Verstecktfruchtmoos mit Kapseln an kurzen Seitentrieben


Im Landesinneren, wie auch im Westen Deutschlands zu dieser Zeit, wurde sie selten und wenn dann vor allem auf basischen Gesteinen und Beton gefunden. Diese Unterlagen vermögen die Wirkungen der aus den Schwefeloxiden gebildeten Säuren zumindest abzupuffern. Wahrscheinlich ist ein Zusammenwirken der Faktoren Klimaerwärmung, Abnahme der giftigen SO2-Emissionen und Zunahme der düngenden NOx-Emissionen.

Das Holundermoos, wie es etwas weniger sperrig auch genannt wird, wächst an der Rinde von Laubgehölzen, vorwiegend an Holunder, auch an Weide oder Pappel. In der Schweiz wird ein breites Spektrum an Laubbäumen und -sträuchern besiedelt, selten dagegen der Holunder.

Einseitswendiges Verstecktfruchtmoos mit in Hüllblätter eingesenkte Kapseln an kurzen Seitentrieben (Bild: Norbert J. Stapper / BLAM e.V.) In der Schweiz besiedelt Cryphaea heteromalla ein breites Spektrum an Laubbäumen und Sträuchern, selten aber an Holunder, wohingegen z.B. in Deutschland das Einseitswendige Verstecktfruchtmoos gerne an Holunder siedelt.
Einseitswendiges Verstecktfruchtmoos mit in Hüllblätter eingesenkte Kapseln an kurzen Seitentrieben Bild: Norbert J. Stapper / BLAM e.V.


Im 19.Jahrhundert war sie noch an einer Vielzahl von Baum- und Straucharten beobachtet worden. Sie braucht lichtreich bis mäßig beschattete Lagen mit ausreichender Luftfeuchtigkeit. Vereinzelt kommt sie auch an Felsen, Mauern oder Beton vor. Sie meidet sowohl geschlossene Waldgebiete wie auch offene, windexponierte Einzelbäume.

Die Art wird in der Roten Liste Deutschlands von 1996 noch unter "stark gefährdet" (2) geführt, in der noch nicht erschienen neuen Roten Liste wird sie aber bereits als "nicht gefährdet" erscheinen. In den Listen der einzelnen Bundesländer reicht die Einstufung von "ungefährdet" bis "ausgestorben". In der Schweiz gilt sie als "verletzlich" (VU).

Bildtafel:

Obere Reihe: Habitus (von lateinisch habere, 'haben', 'an sich tragen' bezeichnet in der Biologie die äußere Erscheinung eines Organismus, d.h. die Gesamtheit aller wesentlichen und typisch sichtbaren Eigenschaften, z.B. einer Pflanze.)

Mittlere Reihe: Blatt, Blattspitze und Blattbasis

Untere Reihe: Basis eines Perichaetialblattes, Peristomzähne und Sporen.
Bildtafel über das Einseitswendige Verstecktfruchtmoos (Bildtafel: Norbert J. Stapper / BLAM e.V.)
Bildtafel: Norbert J. Stapper / BLAM e.V. Einseitswendiges Verstecktfruchtmoos, (Cryphaea heteromalla) Moos des Jahres 2019


Wegen ihres Vorkommens an Laubgehölzen wie Holunder, Weiden und Pappeln in halbschattiger Lage ist sie sicher nicht durch mangelnde Standorte gefährdet, ein Handlungsbedarf zu ihrer Erhaltung besteht nicht.

Biologie

Die einhäusige Art fruchtet häufig und verbreitet sich durch Sporen. Über eine vegetative Vermehrung oder Verbreitung ist bei der Art nichts bekannt.

 
Herzlichen Dank an die Bryologisch-lichenologische Arbeitsgemeinschaft für Mitteleuropa e.V., (BLAM) besonders Herrn Wolfgang von Brackel, für seinen Pressebericht über das Moos des Jahres 2019 und die Möglichkeit die Bilder von Herrn Norbert J. Stapper und Herrn Christian Berg zeigen zu dürfen.


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- letzte Aktualisierung: Freitag, 08. März 2019 -
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