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Die Flechte des Jahres seit 2004

Mehr Aufmerksamkeit für die Doppelwesen aus Pilz und Alge

Gekürt wird die Flechte des Jahres von der Bryologisch-lichenologische Arbeitsgemeinschaft für Mitteleuropa (BLAM)

Jahr Flechte wissenschaftlicher Name
2004 Die Gelbflechte Xanthoria parietina
2005 Die Grubige Bartflechte Usnea hirta
2006 Die Caperatflechte Flavoparmelia caperata
2007 Das Isländische Moos Cetraria islandica
2008 Die Wolfsflechte Letharia vulpina
2009 Die Echte Rentierflechte Cladonia rangiferina
2010 Die Rosa Köpfchenflechte Dibaeis baeomyces
2011 Die Gewöhnliche Feuerflechte Fulgensia fulgens
2012 Die Echte Lungenflechte Lobaria pulmonaria
2013 'Hundsflechten' Peltigera didactyla
2014 Landkartenflechte Rhizocarpon geographicum
2015 Die Gelbfrüchtige Schwefelflechte Psilolechia lucida
2016 Die Heideflechte Icmadophila ericetorum

Die "Heideflechte" ist die Flechte des Jahres 2016

Flechten finden sich in intakten Hochmooren nur in geringer Zahl, ihnen sagt die hier herrschende Nässe nicht zu. Eine Ausnahme macht die parasitische Torfmoos-Wachsflechte (Abscontidella sphagnorum). Sobald sich aus dem Hochmoor hebende Bulte austrocknen oder das ganze Moor durch Entwässerung zur Hochmoorheide wird, wandern Flechten ein. Auffällig sind hierunter verschiedene Arten der Rentierflechten (Cladonia spp.) oder das Isländische "Moos" (Cetraria islandica). Auf mehr oder weniger trockenem Torf kommen auch Krustenflechten vor. Eine davon ist die Heideflechte (Icmadophila ericetorum), unsere Flechte des Jahres 2016.

Die Heideflechte ist mit ihrem weißlichen Thallus, der mehrere Quadratzentimeter groß werden kann und den rosa Fruchtkörper eine auffällige Art. Dennoch wird sie vielen Wanderern noch nicht begegnet sein, da sie sich wegen ihrer Empfindlichkeit gegenüber Nährstoffen weitgehend in die Gebirge zurückgezogen hat.
 
Heideflechte vom Schachen in den Bayerischen Alpen an einem Waldweganriss (Bild: Wolfgang von Brackel) Aussehen

Das hellgraue, weißliche oder vor allem im feuchten Zustand leicht grünliche Lager bildet körnige, zusammenhängende Überzüge auf dem Untergrund.

Heideflechte vom Schachen in den Bayerischen Alpen an einem Waldweganriss Bild: Wolfgang von Brackel

Daraus erheben sich, ohne oder mit sehr kurzem Stiel aber mit verengter Basis die nur anfangs berandeten, runden bis welligen, hellrosa bis orangerosa Fruchtkörper (Apothecien). Der photosynthetische aktive Partner in der Flechte ist eine Coccomyxa-Alge. Die Heideflechte ist eine unverkennbare Art, sie kann allenfalls mit der in ähnlichen Lebensräumen vorkommenden Rosa Köpfchenflechte (Dibaeis baeomyces), übrigens unsere Flechte des Jahres 2010, verwechselt werden.
Diese besitzt aber deutlich gestielte, hutpilzartige Apothecien. Im Zweifelsfall hilft ein Blick auf die Sporen, die bei der Heideflechte querseptiert überwiegend zwei- bis vierzellig, bei der Köpfchenflechte aber einzellig sind.

Ökologie

Die Heideflechte besiedelt unterschiedliche saure und nährstoffarme Substrate wie zerfallene Baumstümpfe, Rohhumus und Torf sowie Sandstein.
Eine Heideflechte aus Grönland in einer arktischen Heide (Bild: Wolfgang von Brackel)
Bild: Wolfgang von Brackel Heideflechte aus Tugtutoq in Grönland in einer arktischen Heide

Die Heideflechte hat hohe Ansprüche an die Feuchtigkeit, daher ist sie vor allem an schattigen Orten mit hoher und vor allem gleichmäßiger Luftfeuchtigkeit zu finden. Dies sind mehr oder weniger geschlossene Wälder, Blockhalden oder offene Stellen (z.B. Torfwände) in Hochmooren und Moorheiden. Wegen ihrer Ansprüche an die Feuchtigkeit und ihrer geringen Toleranz gegenüber Nährstoffen ist sie vor allem montan bis alpin verbreitet.

Heideflechte - Winterleiten - das Lager ist feucht deshalb grün (Bild: Walter Obermayer) Verbreitung und Gefährdung

Die in der nördlichen Hemisphäre verbreitete Art kommt in der borealen Zone bis ins Flachland, ...
Heideflechte, Winterleiten - Lager ist feucht, daher grün Bild: Walter Obermayer

... in der gemäßigten Zone vor allem in den Gebirgsgegenden vor. In Mitteleuropa hat sie ihren Schwerpunkt in den Alpen, wo sie auch die Kalkgebiete nicht meidet: Sie wächst hier auf den sauren Rohhumus- oder Torfauflagen über dem basischen Kalkgestein. In Deutschland war sie aus fast allen Bundesländern bekannt, ist aber in Norddeutschland regional ausgestorben oder vom Aussterben bedroht. In den südlichen Bundesländern ist sie als stark gefährdet eingestuft, bundesweit inzwischen als vom "Aussterben bedroht". In Österreich wird sie wegen der noch größeren Vorkommen in den Alpen nur als "regional gefährdet" eingestuft.

Biologie

Als Rohbodenbesiedler kann die Heideflechte als Pionierart gelten. Wo sie sich einmal angesiedelt hat, ...
Heideflechte - Sporenschläuche mit Sporen (Bild: Walter Obermayer)
Bild: Walter Obermayer Heideflechte - Sporenschläuche mit Sporen nach Behandlung mit Salpetersäure, Kalilauge und Jod

... besitzt sie wegen des großflächigen, geschlossenen Lagers eine gewisse Konkurrenzkraft, die die Ansiedlung anderer Arten verhindert. Ein Überwachsen von außen, etwa durch Zwergsträucher, kann dadurch aber nicht verhindert werden. Die Art verbreitet sich durch Ascosporen, was ihr auch die Überwindung größerer Distanzen ermöglicht. Ascosporen sind die sexuell gebildeten Verbreitungseinheiten der (meisten) Flechten, bei der Heideflechte sind sie etwa 0,02 mm groß.

Heideflechte - Aufnahme aus den Kitzbühleralpen in 1860 Meter Höhe (Bild: Norbert Stapper) Parasiten und Medizin

Icmadophila ericetorum ist Wirtsflechte einiger flechtenbewohnender Pilze, ...
Heideflechte - Kitzbühleralpen - 1860 m üNN - Exkursion 2015 Bild: Norbert Stapper

... von denen Acarosporium lichenicola und Spaerellothecium icmadophilae spezifisch nur auf ihr vorkommen. Ersterer ist aus Mitteleuropa bisher noch nicht bekannt geworden (nur Norwegen), letzterer nur aus Österreich (und einigen nordischen  Ländern). Über eine medizinische Nutzung ist uns nichts bekannt.

Intakte Hochmoore, deren Entstehung in Mitteleuropa nach dem Ende der Eiszeiten, vor etwa 12.000 Jahren, begann, gehören zu den letzten noch weitgehend naturnahen Ökosystemen Mitteleuropas. In Deutschland haben sie durch Entwässerung und/oder Abbau bis zu 99% ihrer ursprünglichen Fläche eingebüßt.

Der abgebaute Torf wurde als Brennstoff, Dämmmaterial, Boden"verbesserer" im Gartenbau oder zu Moorbädern verarbeitet. Vergrößerte Aufnahme einer Heideflechte deren Lager grün ist (Bild: Walter Obermayer)
Bild: Walter Obermeyer Heideflechte - Winterleiten - das Lager ist feucht, daher grün

Die abgetorften Flächen wurden anschließend land- und forstwirtschaftlich genutzt. Glücklicherweise wurden in jüngerer Zeit die meisten der verbliebenen Restflächen unter Naturschutz gestellt, nicht zuletzt durch EU-Recht. Versuche zur Renaturierung bereits beeinträchtigter Moore zeigen unterschiedliche Erfolge. Schwierigkeiten bereiten hier vor allem der Wasserrückhalt und der Eintrag von Nährstoffen aus der Luft. Wichtig ist daher der Erhalt der Restmoore und die Wiederherstellung degenerierter Moorflächen nicht nur für den Naturschutz, sondern auch für den Klimaschutz: intakte Hochmoore sind effektive CO2-Senken, während degenerierte Moore große Mengen an klimaschädlichem CO2 und Metahn emittieren.

Herzlichen Dank an die Bryologisch-lichenologische Arbeitsgemeinschaft für Mitteleuropa e.V. (BLAM) vor allem an Herrn Wolfgang von Brackel für den Pressetext und die Erlaubnis die tollen Aufnahmen verwenden zu dürfen. Bildreferenten: Wolfgang von Brackel, Walter Obermayer und Norbert Stapper.


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- letzte Aktualisierung: Montag, 21. November 2016 -