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Die Einzeller des Jahres seit 2007

Im Mai 2007 hat die Deutsche Gesellschaft für Protozoologie auf einer Tagung in Salzburg einen Einzeller des Jahres gewählt. Mit ihrer Wahl wollten die Wissenschaftler darauf aufmerksam machen, dass die große Gruppe der Einzeller eine wichtige Rolle für die Ökosysteme der Erde spielt.

Der Einzeller des Jahres wird von der Deutschen Gesellschaft für Protozoologie bestimmt.

Die bisherigen Einzeller des Jahres

Jahr Name (deutsch) wissenschaftlicher Name
2007 Pantoffeltierchen Paramecium
2008 keine Nennung  
2009   Tetrahymena
2010 Augentierchen Euglena
2011 Schleimpilz-Art Dictyostelium discoideum
2012   Acanthamoeba
2013 Sonnentier Actinophrys sol
2014 Trompetentier Stentor
2015 Vampiramöben Vampyrella
2016   Trichomonas vaginalis

Der Einzeller des Jahres 2016 - Trichomonas vaginalis

Zum neunten Mal hat die Deutsche Gesellschaft für Protozoologie einen "Einzeller des Jahres" gekürt. Bei den ausgewählten Einzellern (Protisten) handelt es sich ausschließlich um Lebensformen, die einen echten Zellkern besitzen (Bakterien und Archaeen fallen nicht darunter). Die mikroskopisch kleinen, aber allgegenwärtigen, sehr diversen und zahlreichen Protistengruppen sind in vielerlei Hinsicht interessant. Der diesjährige Einzeller des Jahres - Trichomonas vaginalis - wird von Mag. Dr. Ursula Fürnkranz, einer Jungforscherin an der Medizinischen Universität Wien, vorgestellt.

Historische Aufnahme von Trichomonas vaginalis (Foto: Dt. Gesellschaft für Protozoologie) Eine der historischen Aufnahmen von Trichomonas vaginalis, die Alfred Francois Donne mit dem von ihm und Leon Foucault entwickelten "microscope daguerreotype" aufgenommen hat. Noch nie zuvor hatte jemand derartig kleine Organismen fotografiert.
Historische Aufnahme von Trichomonas vaginalis Foto: Dt.Gesellschaft für Protozoologie e.V.

Historisches

Trichomonas vaginalis wurde erstmals 1836 von Alfred Francois Donne beschrieben. Er hatte diese von ihm als "Animalculi" bezeichneten Organismen in eitrigen Sekretionen von männlichen und weiblichen Genitalorganen entdeckt. Donne war der Leiter der Pariser Charite und ein herausragender Mikroskopiker.

Seine Aufnahmen von Trichomonas vaginalis gelten als die allerersten Fotografien eines Einzellers. Es sollte noch 30 Jahre dauern, bis Robert Koch die ersten Bakterien forografierte.

T. vaginalis besitzt kein Zysten-Stadium, die Übertragung erfolgt direkt von Mensch zu Mensch.

Die freischwimmenden, birnenförmigen Fressstadien verwandeln sich innerhalb von Minuten nach Kontakt mit den Zielzellen im Harn- und Geschlechtstrakt des Menschen zu sich anheftenden, amöboiden Formen und jederzeit wieder zurück.
Trichomonas vaginalis - freischwimmende Trophozoiten (Foto: Dt. Gesellschaft für Protozoologie)
Foto: Dt. Gesellschaft für Protozoologie e.V. Trichomonas vaginalis - freischwimmende Trophozoiten

Lebensweise und Morphologie

Trichomonas vaginalis ist ein Parasit des menschlichen Urogenitaltrakts. Da er direkt von Mensch zu Mensch übertragen wird, hat er - im Unterschied zu den meisten anderen Protozoen - kein Dauerstadium. T. vaginalis besitzt fünf Geiseln, von denen vier als Zuggeißeln am Vorderende der Zelle frei schwimmen, während die fünfte am Zellkörper entlang nach hinten schlägt. Dadurch kommt es zu einer sehr charakteristischen, drehenden Schwimmbewegung. Innerhalb von Minuten nach Kontakt mit den Zielzellen (z.B. vaginale Epithelzellen) verwandeln sich die Trichomonaden in sich anheftende, amöboide Stadien, welche etwas größer sind und oft mehrere Kerne haben.

Trichomonose

Die Trichomonose gilt als die häufigste nicht durch Viren bedingte Geschlechtskrankheit. Da die Infektion meist nach einer akuten Phase in eine chronische Phase übergeht oder überhaupt und zwar vor allem beim Mann, ohne Symptome verläuft, kann sie oft jahrelang undiagnostiziert bleiben. Dies trägt ganz wesentlich zur Verbreitung von T. vaginalis bei. Die Symptome reichen von Juckreiz über übelriechenden Ausfluss bis zu Schmerzen beim Urinieren. Auch wenn die Trichomonose keine lebensbedrohende Krankheit darstellt, so beeinträchtigt eine Infektion mit T. vaginalis das Wohlbefinden und das Sexualleben der Betroffenen schwer. Zudem besteht ein Zusammenhang zwischen chronischer T. vaginalis-Infektion und erhöhtem Krebsrisiko und erhöhter Empfänglichkeit für eine HIV-Infektion. Die Behandlung der Trichomonose ist in den meisten Fällen unproblematisch, allerdings stehen derzeit im Wesentlichen nur Medikamente einer einzigen Wirkstoffklasse zur Verfügung und es wurden in den vergangenen Jahren vermehrt Resistenzen beobachtet.

Einzeller des Jahres 2016 - Trichomonas vaginalis (Foto: Prof. Heinz Mehlhorn) Rasterelektronenmikroskopische Aufnahme von T. vaginalis
Einzeller des Jahres - Trichomonas vaginalis Foto: Prof. Heinz Mehlhorn

Besonderes

T. vaginalis kann eine Art Lebensgemeinschaft mit Mycoplasma hominis (einem der kleinsten bisher bekannten Baktertien) eingehen, welche mit einer erhöhten Resistenz und auch Pathogenität in Verbindung gebracht wird.

Infektionsgefahr: Schwimmbad, Handtücher

Trichomonaden sind ausgesprochen empfindlich gegenüber Austrocknung. Sie können in Leitungswasser bis zu 24 Stunden überleben, gehen allerdings in gechlortem Schwimmbadwasser innerhalb nur weniger Minuten zugrunde. Theoretisch ist eine Übertragung durch kontaminierte Gegenstände, wie z.B. (feuchte) Handtücher möglich, wenn diese von zwei Personen unmittelbar nacheinander benützt werden. Tatsächlich relevant ist aber ausschließlich die Übertragung durch ungeschützten Geschlechtsverkehr.
 
Vielen Dank an Frau Dr. Renate Radek, Geschäftsführerin der Deutschen Gesellschaft für Protozoologie, Freie Universität Berlin, für den Pressetext und die zur Verfügung gestellten Fotos.

Möchten Sie mehr über die Lebensweise der Einzeller wissen: www.protozoologie.de


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- letzte Aktualisierung: Donnerstag, 02. Februar 2017 -